Sicherheit wegen nicht alle Tage kommen, und Bella langeweilte sich mit
dem Hunde, dessen Kuenste sie nicht mehr sehen mochte, der ewig schlief,
oder, wenn gegessen wurde, wedelte, sich leckte, kratzte; sie kam endlich
darauf, womit andere Erben anfangen, den Nachlass der Verstorbenen zu
durchsuchen. Sie schloss die geheime Kammer auf, nicht ohne Schrecken und
Ehrfurcht, aber ihre Erwartung war getaeuscht; da waren keine seltene
Kleider und Kostbarkeiten, meist nur Buendel von Kraeutern, Saecke mit
Wurzeln, einige Steine, lauter Dinge, von denen sie nichts verstand, weil
der Vater ihrem kindischen Wesen keine Achtsamkeit fuer das Geheime
zugetraut hatte. Endlich fand sie doch in einer Kiste alte Schriften, die
sie durchblaettern konnte, manche mit koestlichen Siegeln geziert, auf
wunderlichem Papier in fremder Sprache, die sie aber noch nicht gelernt
hatte, andre aber niederlaendisch-deutsch, das sie wohl schreiben und lesen
konnte, da ihre Mutter, aus einem alten Hause der Grafen von Hogstraaten
mit Michael entflohen, diese Liebe zur alten Sprache ihrem Manne und ihrem
Kinde zugebracht hatte. Sie nahm diese Buecher und las eben nachts, denn
bei Tage schlief sie, um alles Geraeusch zu vermeiden, als Braka ihr durch
eine zahme Ohreule, mit der sie sich seit einiger Zeit herumtrieb, ein
dreimaliges Zeichen gab, dass sie eingelassen sein wollte. Bella sprang
unwillig von ihrem Buche auf, das merkwuerdige Zauberhistorien enthielt,
und wie Braka eingetreten, setzte sie sich wieder stillschweigend dabei
nieder, dass die Alte ganz boese ihre Haende in die beiden Seiten stemmte:
"Nun, kriegt die alte Braka heut keinen Gruss, keinen Kuss? ja wenn die
Kinder klein sind, so wissen sie kaum, was sie einem alles fuer Liebes und
Gutes antun sollen, aber kaum fangen sie an, was vollstaendig zu werden, da
haben sie keine Ohren mehr fuer alles Gute, was man ihnen tun moechte; nun,
den Kuchen sollst du heute nicht bekommen, wenn du mich nicht recht darum
bittest, habe darum eine halbe Stunde beim Baecker warten muessen, der
sollte heute auf des Prinzen Tisch, die Magd wird sich schoene wundern,
wenn sie beim Baecker zum Abholen kommt und er schon fort ist."
"Wenn ich dich auch nicht bitte", sagte Bella, "du hast doch keine Ruhe,
bis ich ein Stueck davon gegessen; gib nur her und sei nicht boese. Ich bin
heute bei meines Vaters Buechern gewesen und habe da so schoene Geschichten
gefunden, dass ich gern ein Gespenst werden moechte." Die Alte sah in das
Buch hinein und sagte: "Es ist doch sonderbar, dass ich so alt bin und kann
nicht lesen, und du bist nur so ein Kuckindiewelt und kannst es schon; nun
hoer einmal, wenn du Lust hast, ein Gespenst zu werden, du kannst dazu
kommen, das faellt mir soeben ein, und wir koennen es brauchen."
"Was ist denn, du siehst ja so bedenklich aus?"
"Sieh nur, Bella", fuhr die Alte fort, "es ist auch keine Kleinigkeit, was
dir bevorsteht: denk nur, Prinz Karl ist gestern vor diesem Gartenhause
mit seinem Lehrer Cenrio vorbeigeritten und hat gefragt, wie es kaeme, dass
es so verschlossen und verfallen aussaehe. Cenrio hat ihm erzaehlt, wie die
Gespenster alle Kaeufer und Mieter abgeschreckt haetten, alles, wie du es
weisst; wie dein Vater einen, der sich durchaus hier niederlassen wollte,
mit Ruten gehauen; die vielen Eulen, die er in einer Kammer eingesperrt
hatte und sie einem andern um den Kopf fliegen liess, nun, du weisst alles;
der Prinz aber, statt dass er dadurch geschreckt worden, schwur, dass er
ganz allein eine Nacht in diesem Hause schlafen und die Geister bald
vertreiben wolle. Was fangen wir nun an? es kann jede Nacht geschehen,
dass er in dies Haus kommt, und seine Leute werden die Ausgaenge sicher so
besetzen, dass keiner von den Unsern heraus- oder hereinkann."
"Hoer, Braka", sprach Bella, "den Prinzen moechte ich doch gern sehen, ich
habe so viel von ihm gehoert, wie schoen er ist und wie edel, wie er fechten
und reiten kann."
"Du denkst nun schon wieder an den Prinzen und nicht an unsre Not", fuhr
Braka fort; "hast du wohl Geschick, das Gespenst zu spielen? Das koennte
dich retten!"
"Warum nicht", meinte Bella, "aber wie soll ich's anfangen?" und las
weiter in ihrem Buche. "Sieh, Kind", sprach die Alte, "er kann in keinem
andern Zimmer schlafen, als in dem schwarzen mit den goldenen Leisten,
neben welchem das geheime Kaemmerlein deines Vaters versteckt ist, denn die
andern Zimmer haben alle mehr Eingaenge, da ist es ihm nicht so sicher,
auch steht nur in diesem eine Bettstelle. Nun sieh, wenn du merkst, dass
er stille, dass er eingeschlafen, so schleich aus der Kammer heraus, leg
dich zu ihm ins Bette, und ich schwoer dir, dass er vor Angst davonlaeuft und
nie wiederkommt; sollte er aber Mut behalten und dich festhalten, sieh, so
kostet es dir ja nur eine Luege, dass du aus Liebe zu ihm eingedrungen, und
dein Glueck ist vielleicht gemacht."
"Ja, Alte", sagte Bella und las weiter, "wie du meinst, du musst das
verstehen, ich weiss nichts davon."
"Aber sag mir nur, wo du das verfluchte Buch herbekommen hast", fragte die
Alte weiter, "wenn ich mit dir ernsthafte Sachen rede, denkst du an nichts
als an das Buch."
"Ich hab es aus des Vaters Kammer geholt", sagte Bella, "es liegen da noch
mehrere, nimm dir auch eins."
"Wenn du es erlaubst", sagte die Alte, "so gehe ich gern einmal herein;
ich habe mich immer gefuerchtet, es dir zu sagen, ich wusste nicht, ob dein
Vater es nicht verboten."
"Geh nur", sagte Bella, "du wirst sonst nicht viel finden."
Die Alte ging mit einer gescheiten Neugierde; an der Tuere bat sie Bella,
den schwarzen Hund wegzurufen, der immer vor der Kammertuer lag und niemand
als Bella einzulassen Befehl hatte. Bella rief ihn zu sich, und die Alte
ging ohne Aufenthalt in die Kammer. Als sie drin war, lachte Bella, wies
den Hund wieder zur Kammertuer und versteckte sich, um den Schreck der
Alten zu sehen; es war ein Prinzessinnenspass, aber sie war auch
liebenswuerdig wie eine Prinzess und war von je wie eine Prinzess verehrt
worden. Nicht lange nachher wollte die Alte mit einem grossen
Kraeuterbuendel und mit einem Sacke zur Tuere hinaustreten, aber der schwarze
Hund machte ihr ein Paar feurige Augen und zeigte die Zaehne; sie trat
erschrocken zurueck und rief nach Bella in grosser Angst. Zu gleicher Zeit
hoerten sie ein ungewohntes Getrappel von Pferden vor der Tuere, Menschen,
welche ueber den Hof kamen, und Bella fluechtete sich erschreckt mit dem
Lichte und den Speisen und mit dem Hunde zur Alten in die Kammer, die sie
verschlossen, um dort in aller Stille abzuwarten, ob dies der Prinz
gewesen sei, der seinen Kampf gegen die Gespenster ausfechten wollte. Sie
hatten sich nicht geirrt, es war Karl, der kuenftige Beherrscher einer Welt,
in der die Sonne nie untergeht, in der ersten Frische des vollendenden
Wuchses, der in das verlassene Zimmer kam. Bella konnte ihn durch ein
verstecktes Tuerloch recht deutlich sehen, ihr war nie so etwas vorgekommen;
sie hatte nur braune Zigeuner gesehen, lustig und heftig; dieser aber
trat so grossmuetig einher, so sanft in geuebter Kraft, sie wusste, dass er es
war, der kuenftige Herrscher, noch ehe ihn seine Begleiter als Prinz
gegruesst. Sein Hochmut entzueckte sie, mit dem er Cenrio zurueckwies, der
die Wette zuruecknehmen wollte, weil er behauptete, der Prinz habe durch
seine Anwesenheit bewaehrt, dass er sie wirklich ausfuehren wolle. Der Prinz
warf aber rasch sein schwarzsammetnes Barett auf den Tisch, breitete
seinen Regenmantel ueber die Bettstelle und befahl Cenrio, auf die Umgebung
des Hauses zu wachen und ihm ein paar brennende Kerzen im Zimmer
zurueckzulassen, er sei muede. Cenrio empfahl ihm, das Zeichen mit der
Pistole nicht zu vergessen, wenn er jemand beduerfte; oder im Fall diese
versagte, dabei besah er das Schloss, so wuerde sein Rufen schon genuegen, da
er einen Soldaten unter dem Fenster ausstellen und selbst in der Naehe
wachen wuerde. Der Prinz meinte, er moechte sich das Wachen und Bewachen
ersparen, in seinem Panzerhemde, mit gutem Degen bewaffnet sollte ihm so
leicht niemand gefaehrlich werden; die Ammenmaerchen von Geistern schreckten
ihn aber nicht mehr. Cenrio verliess das Zimmer. Der Prinz stuetzte sich
auf die Hand und lallte ein Lied, um wach zu bleiben; dann streckte er
sich aufs Bette und sang wieder, indem er einschlummerte; da das Bette der
Kammer gegenueberstand, konnte Bella ihn deutlich sehen und die Worte
vernehmen:
Komm, lieblich schwarze Nacht,
Und druecke schiessende Sterne,
Wie Siegel deiner Macht,
Als Zeichen meiner Ferne,
In meine mutige Brust,
Dass aller Funken Lust
Aus kuenftigen Kronen geschmiedet,
Mich wecke, den Dienen ermuedet.
Sie sitzt auf dunklem Thron,
Ihr ruhet auf wolkigem Kissen
Die ewig schimmernde Kron'.--
O moecht' ich die Liebliche kuessen!
Und machte der Venus Stern
Die einzige Nacht mich zum Herrn,
Dann koennt' ich die Erde umwallen,
Mit allen Kronen,--mit allen.
"Der ist einmal ungeduldig, dass er zur Regierung komme", sagte die Alte
mit leiser Stimme zu Bella. Seine Augen sanken nieder und sein Haupt. Er
war eingeschlafen, und Bella starrte noch immer zu ihm hin und konnte sich
nicht satt sehen; die Alte aber hatte schon ihren Anschlag gefasst. Die
Waffen, Degen und Pistole, lagen vor dem Bette des Prinzen, die sollte
Bella erst leise holen und dann den Geist spielen und sich zu ihm legen;
aber nur mit Muehe beredete sie das Maedchen dazu, Schuh und Struempfe
auszuziehen, damit sie leise gehen koenne, und ihr Kleid auszuziehen, damit
sie nirgends anstossen moege, und musste sie fast zur Kammertuer hinausstossen,
die sie vorsichtig nur anlegte, um ihr den Rueckzug zu sichern. Das alte
Weib hatte sicher eine boese Absicht bei diesem Vorschlage: das Kuppeln war
lange ihr Hauptgeschaeft, und diesmal konnte sie auf einmal das Glueck aus
dem niedern Stande emporreissen. Bella ahndete von dem allen nichts, es
war ihr lieb, den Prinzen in der Naehe zu sehen, darum untersuchte sie
nicht lange, ob der Vorschlag der Alten wirklich vernuenftig angelegt sei.
Sie trat also mit grosser Sorgfalt an das Bette des Prinzen, der so fest
schlief, dass sie mit Sicherheit seine Waffen haette forttragen koennen; die
Alte sah beide mit Freuden an. Bella nach Art der Zigeuner in eine blaue
Leinewand statt des Hemdes gewickelt, die von einem goldnen Guertel
festgehalten wurde, hatte die runden, blendenden Arme etwas scheu nach dem
Prinzen ausgestreckt, die zierlichen, leisen Tritte der schimmernden Fuesse
hinziehend zu ihm, aus ihren unzaehligen Locken tausend Glueckslose auf ihn
taumelnd in tausend suessen Blicken, bis der Mund sich nicht mehr halten
konnte und auf den Mund des Prinzen niedersank. Bis jetzt war ihr alles
gelungen, der Prinz aber, von dem Kusse erweckt, vor den erschreckten
Augen von tausend Phantomen seines Traumes wie mit gluehenden Kugeln
umstuermt, sprang mit hoechstem Ungestueme auf und stuerzte atemlos schreiend
in das Nebenzimmer; seine Pistole, seinen Degen, alles hatte er vergessen,
solch ein Grauen wohnt in der Tiefe des hochmuetigsten Menschen vor der
unnennbaren Welt, die sich nicht unsern Versuchen fuegt, sondern uns zu
ihren Versuchen und Belustigungen braucht. Bella war so entsetzt von
seinem Abscheu, dass sie sich stumm und willenlos der Alten ueberliess, die
sie rasch durch die versteckte Tapetentuere in die Kammer trug. Bald
darauf kam der Prinz mit Cenrio und einigen Soldaten zurueck, die in
Wahrheit alle groessere Lust hatten, draussen zu bleiben, als einzudringen.
Wer so etwas nicht empfunden hat, wird es nicht glauben, aber ein Gespenst
schlaegt eine ganze Armee in die Flucht, denn was einem braven Manne
uebermaechtig furchtbar ist, das ist es im Durchschnitte fuer alle. Der
Prinz zeigte noch den meisten Mut; er schwur laut: "So schrecklich die
schwarzen Schlangen an dem Haupte waren, ein schoeneres Antlitz habe ich
nie gesehen, ungeachtet der ungeheuren Groesse in dem besten Verhaeltnisse,
einen gluehenden Knopf trug es an der Brust; aber jetzt ist nichts hier bei
der heiligen Mutter Gottes, leuchtet nur unter das Bette; will keiner dran,
so muss ich's selbst tun: hier auch nichts; so war's denn doch ein
Gespenst, Cenrio, und ich habe meinen Tuerkensaebel an Euch verloren, Cenrio;
wuesste ich nur, was das liebe Gespenst verlangt haette, bei Gott, ich
bleibe hier, seht, es faellt mir erst jetzt alles wieder ein. Sind meine
Lippen nicht verbrannt? ich schwoere Euch, es hat mich gekuesst, dass mir vor