Der Gwissenswurm Ludwig Anzengruber Der Gwissenswurm by Ludwig Anzengruber Ludwig Anzengruber Der Gwissenswurm

Der Gwissenswurm Ludwig Anzengruber

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Verlaubst schon, Schwoger, daß sie mir Bescheid tut!  (Nötigt ihr das Glas
auf, indem er sie um die Hüfte faßt.)

Rosl.  Wann's erlaubt ist?  Dein Wohlsein!

Dusterer (tätschelt sie im Rücken).  No, bleibst wohl hübsch ledig--hübsch
ledig--und brav?

Rosl (macht sich los und schlägt ihn auf die Hand).  Was is denn dös?
(Ab.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 8.  Szene

Achte Szene

Vorige, ohne Rosl.

Dusterer.  No, no--is a dalkets Ding, die Rosl.--Grillhofer, am
Schürzenbandl bin ich ihr hängenbliebn, ja, ja, am Schürzenbandl, sunst
nix!  (Trinkt.) Ah, das is a Tropfen! (Stellt das Glas vor sich hin.) Ja,
daß ich also sag, Schwoger, weil ich mich hizt leichter mit dir red und
weil wir allein sind.--Grillhofer (erhebt sich feierlich), Grillhofer, mir
machst nix weis!  (Schenkt im Stehen wieder ein.)

Grillhofer.  Wie meinst dö Red?

Dusterer (setzt sich, indem er den Wein austrinkt).  Schwoger, ich weiß,
warum ich dir gsagt hab, daß ich dir das Höllbüchl erst spater bring.--Ich
hab dich fruher betracht--du hast gsagt, besser wär dir.--Laugn's net--wir
sein hizt unter vier Augen--dir is übler als gestern.

Grillhofer.  No, werd ich's leicht laugnen unter uns?  Nur vorm Wastl, daß
er sein vorlauten Wesen Einhalt tut, hab ich's gsagt.  Aber ich muß's
wissen, daß mir einwendig wohler ist, die Seel is mir gsünder wie jemal.

Dusterer.  Dös gab der liebe Herrgott, aber leicht is dös Ganze nur a
hoffartig Einbildung von dir.  (Erhebt sich wie oben.) Grillhofer, weißt,
warum dir net besser is?  (Schenkt ein.)

Grillhofer.  Wußt's net.

Dusterer.  Weil dir die Bußhaftigkeit fehlt.  (Setzt sich und trinkt aus.)
Weil dir die Bußhaftigkeit fehlt.

Grillhofer.  Dös wußt ich a net.

Dusterer.  Grillhofer, glaub mir, wann i dir was sag!  Dir fehlt die
Bußhaftigkeit!

Grillhofer.  Möcht wissen, warum!

Dusterer.  So, so--beispielmäßig laß dir sagn, es is a Unterschied
zwischen Frummheit und Frummheit und Reuhaftigkeit und Reuhaftigkeit, wie
zwischen 'm Rosolie und 'm Wacholder, der eine is zur Hochfahrt, der
andere warmt ein'm 's Einwendige.  (Erhebt sich wie oben.) Grillhofer, es
steht geschrieben: "Wer mir nachfolgen will -"

Grillhofer.  "Der nehme sein Kreuz auf sich!"

Dusterer.  Nein.

Grillhofer.  Was na?  Nachher nöt.

Dusterer.  Das heißt, so steht wohl a gschriebn, aber so mein ich net, 's
Kreuz hast schon auf dir.  Aber es steht ferner geschrieben: "Wenn du mir
willst nachfolgen, so wirf dein Gut ins Meer!"

Grillhofer.  Tragst du mein Hof auf 'm Buckel hin bis zum Meer?

Dusterer.  "Ins Meer und teile es mit den Armen." (Setzt sich und trinkt
aus.)

Grillhofer.  So kann net gschrieben stehn!

Dusterer.  Warum?

Grillhofer.  Wann ich's ins Meer wirf, kriegn's ja die Fisch und net dö
Armen.

Dusterer (erhebt sich wieder).  Aber es steht doch so geschrieben.

Grillhofer.  Wird doch kein Unsinn gschriebn stehn?!

Dusterer.  Und warum net, Grillhofer?  Glaub mir, wann ich dir was sag.
Es steht geschrieben!

Grillhofer.  Na, da mach du a Nutzanwendung drauf, ich bin mir z' dumm
dazu.

Dusterer (setzt sich und trinkt aus).  Is kein Kunst, denn es is
beispielmäßig zu verstehn.  Wann du willst mit'm Himmel auf gleich kämma,
dann mußt du alles Weltwesen, um was dich noch sorgen und bekümmern
könntst, von dir tun, du mußt das Deine verschenken, mußt es an die Armen
verteilen.

Grillhofer.  Da sein eahner doch z'viel, kam ja auf kein was, wär schad um
das schöne Anwesen!

Dusterer.  Kannst es ja beinandlassen; wann d' ein einzigen Armen a Guttat
derweist, gilt's für alle!  Schau dich halt um, vielleicht findst unter
der Hand in einer einzigen Familie a ganz Träuperl Arme beinander, die
leicht noch z' neben der christlich Nächstenlieb no a verwandtschäftliche
Zuneigung für dich hätten--ja -ja--brauchst etwa gar net weit herumzsuchen,
Schwoger--ja--hm--ja, daß ich sag, beispielmäßig, ich und mein Weib und
meine fünf Kinder, wir möchten dich schon rechtschaffen pflegen, möchten
dir's im Gebet gedenken, a nach dein'n seligen End--ja--ja beispielmäßig!

Grillhofer.  Schneid net so h'rum, 's hat ja alls a christlich Absehn und
hab ich schon selber dran denkt.  Aber in d' Ausnahm gehn, wo andere mit
ihnere leiblich Kinder aften nix Guts derlebn, zu Fremde auf Gnoden und
Ungnoden!?  Net beklagn könnt i mich, heißet's doch gleich: der Narr, was
hat er 's unnötig tan?  Und von fruher her hot's mir nie taugt, dein
Sippschaft zwegn engerer Duckmauserei--na, es is nur, daß ma sich
ausdischkariert--ja--ja--därf dich net beleidingen!  Jetzt steht's mer ja
an, verwahrt war ich schon, wie in ein Kloster, selb weiß ich.  Wohl, wohl.
Aber ich denk nur so, koan andrer da h'rum tat a so.

Dusterer.  Grillhofer--Schwoger--laß dir sagn, tu's oder tu's net.  Mir is
net um mich.  Aber nach die andern mußt net fragn, na, na, nach dö mußt
net fragn.  Mußt es der Sippschaft net antun, daß ma's derlebt, wir
fahreten am jüngsten Tag allzsamm in Himmel und mußten dich zrucklassen
und für alle Ewigkeit voneinander.  Sorg di um di, laß du nur dö andern in
d' Höll abipurzeln.  Hihi, laß nur dö abipurzeln!

Grillhofer.  Na jo--selb war schon recht, wann's nur net ein oder der
andere etwa doch billiger richtet und rumpelt a da obn eine und hernzet
mich d' halb Ewigkeit: daß mei Himmel z' teuer war.  I möcht nur fragn, ob
sich's a auszahlt?  Wann no die andern bräver warn -!  Bin ich denn so
sündig?

Dusterer (fährt empor).  Fragst no--fragst no, Grillhofer, ob d' sündig
bist?!  Solltst nit fragn, Grillhofer, du net, du vor alle andern
net--sollst darnach fragn; du bist's--Grillhofer, und schon wie!
Beispielmäßig laß dir sagn, auf der Alm im Fruhjahr, wann sich der Schnee
ballt, fliegt so a Malefizvogel--meint selber nix Args--vom Astl oba und
nimmt sich a Maul voll Schnee--und denkt bloß, er tut sein Schnabel a
Guttat, paar Bröckeln rutschen weiter, es wird a Kügerl draus, aus der
Kugel a Knödel, aus'm Knödel a Bünkel wie a Fuder Heu, dös torkelt allweil
Tal obi, immer größer und größer und raumt 'n Wald mit, haut abi ins Tal
und die Lawin is fertig.  So a Unglücksvogel bist a du, Grillhofer!
(Schenkt ein.) Bist auch du!  Frag net, ob d' sündig bist!  Denk an die
Riesler-Magdalen, was vor fünfundzwanzg Jahr in dein Dienst war, wie mein
Schwester, dein Weib, Gott hab s' selig, noch glebt hat, denk an die
Riesler-Magdalen, sag ich, dö hast du a ins Kugeln bracht, daß ins Rollen
kämma und in die siedige Höll h'neingfalln is und, wer weiß, wieviel Seeln
mitgrissen hat!  Neamand hat mehr was von ihr derfahrn, die fufzgimal ist
s' vom Gricht zwegn einer Erbschaft aufgfordert wordn, verschollen is s'
bliebn!  Grillhofer, aber am Tag des Gerichts, da wird alles ans Licht
zogn, da wird sich herausstellen, was du alles angstellt hast in
sündhafter Begehrlichkeit!  Grillhofer, wann da Sachen ans ewige Licht
kommen, was uns gar net träumt?!  Wann's gfragt wird: wer is schuld an
deiner armen Seelverderbnus?  Grillhofer, Schwoger, nöt um a Million möcht
ich da an deiner Stell unbußfertiger vor Gottes Thron stehn, nöt um a
Million!

Grillhofer.  Hätt ihr doch nachfragn solln!

Dusterer.  No wohl--no wohl!  Aber hizt is's z' spat, gschehn is gschehn.
Ich wollt dir's ehnder net sagn, aber heunt nacht hat mir wieder von ihr
traumt, wie s' da gsessen is in ewign Feuer, rundum es höllische Glast!  O
Jesses, es war schreckbar!  Heunt fruh hab ich glei zu meiner Alten gsagt:
für dö zwei armen Seelen muß was gschehn.

Grillhofer.  Hast recht, dumm is schon, aber hast recht.  No hilft nix
als fleißig fürbitten.  Am End hast doch schlecht gsehn--na ja--na ja--im
Feuer und Rauchen verlassen ein'm ja leider die Augen, wird am End gar net
dö Höll gwesen sein, sundren nur 's Fegfeuer, wo die Magdalen hast sitzen
gsehn?

Dusterer.  Beschwörn kunnt ich's net, daß's die Höll war!

Grillhofer.  No, so gehn wir's halt an, wär mir lieb, wann's derer armen
Seel a z'guten kam!  Wann mer wieder a bissel besser is, fahrn mer nach
der Kreisstadt, und da mach mir's halt richtig--ja--ja--du ziehst auf'n
Hof samt deine Leut, a kleine Probzeit, und ich verschreib dir'n, aber,
daß nichts verabsaumt wird!

Dusterer.  No nix, gar nix, kannst dich verlassen.  No schau, selb gfreut
mich, deintwegn, Schwoger, deintwegn!  Meiner Seel! Abgsehn, daß 's gute
Werk a a Staffel in Himmel is.  Aber deintwegn schon gar.  Hizt wirst
schon Herr werdn über den sakrischen Gwissenswurm, verlaß dich drauf, es
is net der erste, den ich aus'm Nest nimm!--Ja--ja, kannst dich verlassen!
Was ich sagen wollt: wann geht's nach der Kreisstadt--wann dir leichter
is?  Sixt, Grillhofer, sixt, schau, Schwoger, hizt lass' ich dir a 'n
Bader holn, ja, ja, man derf nix außer acht lassen und die Kräuter habn ja
ihnere Heilsamkeit a vom lieben Gott.  ja, ja, weißt, hizt is was
anderscht, früher wär der Bader zu nix net nutz gwesen, aber hizten habn
wir zum Anfang 'n Wurm 's Zappeln glegt, dös is 's erste.  Wann dös vorbei
is, kann a der Bader wieder was richten.  Mein Seel, heunt gfreut mich
mein Lebn!  (Ist aufgestanden und tätschelt den Grillhofer zärtlich in den
Rücken.) Weil ich so ein Schwagern hab!  Ja ja.  Na, die Freud, so a
bußfertige Seel z' finden bei derer schlechten Zeit!  Beispielmäßig war
der Saul im Alten Testament a schlechter Sucher gegen meiner, hat ein Esel
gsucht und a Kron gfunden, mir aber war kein Kron so lieb, als daß ich 's
Gsuchte a find--(umarmt Grillhofer) mein lieben Schwagern!

Grillhofer.  No, no, laß's nur gut sein, und wann d' meinst, so schick
halt nach'm Bader!  Wann amal was sein soll, so hab ich's gern bald in
Richtigkeit.


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