Der Gwissenswurm Ludwig Anzengruber Der Gwissenswurm by Ludwig Anzengruber Ludwig Anzengruber Der Gwissenswurm

Der Gwissenswurm Ludwig Anzengruber

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Zeit und Ewigkeit.

Wastl.  Ich weiß's eh, er is, der dich zu dem bußfertigen Wesen hinzerrt,
wie 's Kalbl zur Kuh, wenn's es Saufen derlernen soll.

Grillhofer.  Hehe!  Sixt, Wastl, wie d' trotz deiner Boshaftigkeit nix
dagegen fürbringa kannst!  's Kalbl muß ja saufen, sunst wurd's hin!

Wastl.  Schon recht, Bauer, aber für a Kalbl warst mer doch schon z'viel
ausgwachsen.--Sag do selber, Bauer, wie d' no riegelsam warst, hat der
Dusterer kein Fuß über dein Staffel gsetzt--was findt er's denn hizt
vonnöten, daß er dir alle Tag übern Hals rennt?  Zwegn der Zeit und
Ewigkeit leicht?  Ka Red, meinst net selber, daß er sich zutatig macht,
weil er glaubt, es könnt die ganz Hinterlassenschaft an ihm falln?  Und
hat er dich erst da, nachher kunnst freili--von ihm aus--Gott
verhüt's--nit früh gnug selig werdn.

Grillhofer.  So mein ich ja eh selber!

Wastl.  Na alsdann, na sixt, is doch amal a gscheite Red von dir!  Oder
wie d' früher hast a Wartl davon falln lassen, daß d' dich möchtst in die
Ruh setzen, meinst nit a selber, er wurd dir einredn, daß dein ganz
Bußfertigkeit um a gut Trümmerl z' kurz war, wann du nit ihm 'n Hof
verschreibst und nöt bei seiner Sippschaft als Ausnehmer bliebst?  Han?

Grillhofer.  Na jo, so mein ich ja ehnder selber!

Wastl.  No, so sag ich, scheinheilig is er.

Grillhofer, Und ich sag, er is's net.

Wastl.  Wohl is er's!

Grillhofer.  Na, sog i!  Wastl, du bist a dummer Bua, du verstehst dös net,
der Dusterer, der is so, der is so, wie er is.  Und zwegn dem, was mer
gredt habn, so tut das der Bußhaftigkeit kein Eintrag und werd i ihm's
doch net in übel aufnehma, daß er auf sich schaut, wo sein Vorteil und der
meine Hand in Hand gehn.

Wastl.  Na, hörst, da möcht eins doch glei narrisch werdn!  Wann sein
Vorteil is, meinst nit, es kunnt wohl a a kleine Spitzbüberei mit
unterlaufen?

Grillhofer.  Na, Wastl, dös net, dös net!  Alls, was er fürbringt, dös is
nur zu wahr--nur zu wahr is's!

Wastl.  No, ich konn da nix sagn, ich weiß nit, wie er dich h'rumkriegt
hat, so hilft a kein Redn.

Grillhofer.  Host a recht, Wastl.  Redn is do von unnötn! Der Dusterer ist
über ein Feldpater!  Alles kurz und eindringlich und hizt: glaub's oder
glaub's nit!  A Teuxelskerl sag ich dir, mit sein gottgfälligen Wesen.
Dran glauben muß man.  Dös hat er heraust, ja, ja, dös hat er heraust!
Zwegn, daß er sein Vorteil sucht, selb is richtig, aber dös tut nix, mag's
selber gern sehn, wann einer was treibt, er treibt's recht, aber ehrlich
muß's dabei zugehn!  Wann ich ihm dahinter kam, daß dös kein Schickung is,
dö ihn in mein Haus führt, daß net so sein müßt, wie er sagt, daß er auf
'n Herrgottn sein Rechnung lugt--Kreuzsakra, WastI, da kriegest a Arbeit.

Wastl.  Jesses, Bauer, schaff an, schaff nur glei an!

Grillhofer (läßt den Kopf hängen).  Laß gut sein, Wastl, laß's gut sein.
's kimmt nöt a so.--Er hat mich schon bei der richtigen Faltn.  Er hat
mich an oans erinnert, hon's schon lang vergessen ghabt--hizt aber hat sa
sich aufgriegelt, hizt sitzt's da und gibt kein Ruh mehr, der Gwissenswurm
is's--und da hilft kein Aufdammen.  Schön, schön unterdrucken heißt's und
reuig sein.

Wastl.  Grillhofer, wann's wahr is, daß eins, das sein Art auf einmal
ändert, bald verstirbt, so machst es neama lang, der Dusterer braucht net
lang mehr ernste Gsichter z'schneiden, der konn bald lachen.  Kreuzteufi!
Früher habn mer g'arbeit und sein dann lustig gwest all Tag und du warst
der Fleißigst und Lustigste, und wann ich denk, daß der alte Halunk dran
Schuld tragt, daß mir hizt dasitzen wie auf einer Kartausen--Sikra h'nein,
ich wollt, er kam hizt h'rein, daß i ihm's h'neinsagn kunnt: Dusterer, du
bist a Haderlump!

Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 5.  Szene

Fünfte Szene

Vorige.  Dusterer.

Dusterer (kleine, hagere, schwächliche Gestalt, von der Zipfelmütze bis zu
den Stiefeln hinunter ganz schwarz gekleidet.  Spricht alles auf trockene,
gewichtige Bauernmanier, stoßweise).  Gelobt sei Jesus Christus!

Wastl (schreit, wie in seiner Rede fortfahrend).  In Ewigkeit!

Grillhofer.  In Ewigkeit!

Dusterer (behält seine Pfeife im Munde und geht rasch auf Grillhofer zu).
Grüß Gott, Schwager, grüß Gott, no, wie is dir denn wordn aufs letzte
Beten?

Grillhofer.  Hm, besser, ja, ich mein schon a bissel besser!

Dusterer (setzt sich).  Verlaubst schon.  Na, sollt mich freun.  Ja, ja.
(Beobachtet Grillhofer scharf.) Sollt mich rechtschaffen gfreun!  Tats nur
wieder weisen, daß ma die Krankheiten abbeten kann, is a alte Gschicht!
Freilich ghört die rechte Frummheit und Bußfertigkeit dazu!  Wer nur
unserm Herrgott 's Maul machen möcht, der richt nix.  Nur an die Leut und
an der eingrißnen Gottlosigkeit liegt's--an sonst nix--an sonst nix!
(Pafft Rauchwolken von sich.) Ja, ja.

Wastl (tritt zu ihm).  Mußt nit rauchen, Dusterer! Ich bin vom Haus und
rauch a nöt!  (Nimmt ihm die Pfeife aus dem Mund.)

Grillhofer.  Wastl--du Sikra h'nein!

Wastl (klopft die Pfeife auf dem Fensterbrett aus und setzt den Fuß auf
die glimmende Asche).  Verlaubst schon.  Um die Gselchtigkeit is 'm
Bauern ja do net z' tun!

Grillhofer.  Na, aber der ärger, den d' ein'm machst, schlagt mir leicht
an?

Wastl.  Is dir gwiß gsünder!  (Gibt dem Dusterer die Pfeife zurück.) Da,
Dusterer.

Grillhofer.  Wastl, du Sakra, du nimmst dir viel heraus.  (Erhebt sich
mühsam.) Mach mich nit schichti, am End kunnt ich dich doch no meistern.

Wastl.  Recht is's, dös steht dir an--kimm nur her, Bauer, ich wehr mich
nicht viel--und dir is's leicht gsund!

Grillhofer (setzt sich erschöpft).  Du narrischer Höllteufl, du!--Geh zu,
sag ich, geh zu!-Dusterer (begütigend).  Laß gut sein, Schwager, laß's gut
sein--ja--ja!  (Mit Emphase.) I verzeih ihm--ich verzeih ihm--dös tu ich.

Wastl (mit unsäglicher Verachtung).  Er verzeigt mir!  (Ist bis zur Türe
gegangen.) Der!  Verzeigt mir! Bhüt dich Gott, Bauer!  (Ab.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 6.  Szene

Sechste Szene

Grillhofer.  Dusterer, dann Rosl.

Dusterer.  Is a kecker Ding, der Wastl!  Ja, ja!  Mein allweil, Hochmut
kommt vorm Fall.  Kunnt doch gschehn, wer weiß, wie bald, daß er entbehrli
wurd.--Ja.

Grillhofer.  No, no, nur vertraglich!  Was sagst, du verzeigst ihm, wann
d' ihm was nachtragn willst?

Dusterer.  Hat er s' angnommen, dö Verzeihung--hat er s'angnommen?  Han?

Grillhofer.  Ah was, auf 'm Stubenbodn wird er s' nit liegen lassen habn!
--Solang ich die Augen offen hab, will ich net sehn, wie mein Anwesen
zruckgeht, der Wastl is wie a Pfleger drauf.  Tat keiner gut, der ihn
weggab.  Du verstehst dich a mehr aufs Himmelreich als auf d' Wirtschaft!

Dusterer.  Wohl, wohl.  Z' wirtschaften hat's wenig gebn, da muß oans auf
'n himmlischen Vater vertraun.  Daß ich sag, ja, daß ich sag, es war mir
vorhin nur um die Pfeifen, weil a Anfeuchtung is beim Reden--weißt, mir
redt sich trocken so schwer.

Grillhofer.  D'Rosl muß eh glei ein Wein bringen.

Dusterer.  No nochert is schon recht, nochert is schon recht.  Dann wölln
mer weiterredn.  Mein Seel, ich bin so austrückert da h'rum als hätt mich
die glütende Hölluft anblasen.

Grillhofer.  Warst leicht unt auf ein klein Bsuch?

Dusterer.  Dös net, Schwager, dös net, aber glesen hab ich davon.

Grillhofer.  In ein Buch stund's aufzeichnet?

Dusterer.  In ein großen, dicken Buch--wie dös, so dick--sein auch Bilder
dabei, alles, wie's zugeht; es ist grausam anzschaun, sag ich dir.

Grillhofer.  So, so, ja freilich wann's bschriebn is, ja freilich nachher!
--Mußt mir's lesen lassen!

Dusterer.  Gwiß Schwoger, gwiß!  Sobald so weit bist, daß dir einwendig
denken kannst: "Dich trifft's neama, du bist draust!", dann is aber a
rechte Herzfreud, wann ma so davon lest und denkt sich all seine Feind und
Unfriedmacher in die Qual hinein.  Dös is dir a so a Vergnüglichkeit, wie
beispielmäßig, wann's dir dein Anrainer die ganze Feldfrucht vernagelt,
dir biegt's kein Halmerl um.

Grillhofer.  Jo, aber wo bleibt denn da die christlich Nächstenlieb?

Dusterer.  Richtig, richtig, die hon ich beispielmäßig ganz vergessen.
Aber wo bleibt denn der Wein?

Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 7.  Szene

Siebente Szene

Vorige.  Rosl.

Rosl (bringt eine Flasche mit Wein, dazu ein Glas und einen Teller, worauf
ein Stück Rauchfleisch und ein Brot, und stellt es vor Dusterer auf den
Tisch).  Gsegn's Gott!

Dusterer.  Vergelt's Gott!  Schau, die Rosl--die Rosel no, du bist ja no
allweil so sauber beinander, wie's jüngste Dirndl!  (Schenkt rasch ein.)

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